Sketchnotes

Quellenangabe: "obs/Faber-Castell"

Diese Skizzen sagen mehr als tausend Worte
Am 11. Januar ist „World Sketchnote Day“
Von der Technik bis zu den Tools – alles über die genialen visuellen Notizen

Stein (ots)

Pfeile und Rahmen im Biologieheft, Segelboote und Eisenbahnen im Erdkundeatlas, die ikonische Albert-Einstein-Grimasse im Physikbuch: Chris Shipton malte als Schüler ständig in seinen Unterrichtsmaterialien herum und verschönerte Seite um Seite – wie viele andere. „Und wie viele andere wurde ich während meiner gesamten Schulzeit dafür gescholten“, erinnert sich der Engländer, der heute als Illustrator arbeitet. Erst als junger Erwachsener entdeckte Shipton zufällig im Internet, dass es für solche „Kritzeleien“ einen Namen gibt – und dieser für eine ebenso kreative wie praktikable Kulturtechnik steht. „Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich erfuhr, dass Sketchnotes tatsächlich eine handfeste Sache sind!“

Von To Do-Listen bis Rezepte: Alles lässt sich sketchnoten

Sketchnotes, eine Komposition aus den englischen Wörtern für „Skizze“ und „Notizen“, sind visuell aufbereitete Inhalte – eine Mischung aus Text, Symbolen und Strukturen. Dass es sich tatsächlich um eine „handfeste Sache“ handelt, beweist allein ein Blick auf die inzwischen imposante, sehr kommunikative Fangemeinde: Sketchnote-Pionier Mike Rohde, der seinerzeit auch Chris Shipton inspirierte, und andere professionelle Blogger und Coaches mögen im Wortsinn federführend sein, doch wenn am 11. Januar 2021 wieder der „World Sketchnote Day“ begangen wird, werden sich unzählige andere zu Wort (und Bild) melden – mit klassischen Sketchnotes, gezeichneten Rezepten (Sketchipes), charmanten Reise-Erinnerungen in Skizzenform, To Do- und Einkaufslisten… kurz: einfach mit allem, was den Job- und Lebensalltag bereichern und zugleich erleichtern kann.

Das Auge denkt mit: Unser Gedächtnis liebt Bilder

Welch unterschiedliche Themen sie auch behandeln: Alle Sketchnotes funktionieren nach demselben Prinzip, das, bei allem amüsanten Anschein, auf wissenschaftlich erwiesenen Fakten beruht. Der etwas sperrige deutsche Begriff „Bildüberlegenheitseffekt“ (englisch: „Picture Superiority Effect“) bezeichnet das Phänomen, dass rund 80 Prozent dessen, was wir von unserer Umgebung erkennen und abspeichern, vom Auge geliefert wird. Unter den fünf Sinnen des Menschen ist die optische Wahrnehmung eindeutig die dominierende – und die reagiert auf Bilder wesentlich stärker als auf Wörter. Anschauliches berührt uns intensiver als Geschriebenes, erzeugt tiefere Emotionen und bleibt deshalb auch länger im Gedächtnis. Noch besser allerdings können wir uns an Inhalte erinnern, die sich per Bild und Wort vermitteln, denn sie werden in zwei verschiedenen Arealen des Gehirns abgespeichert, also doppelt. Diese „Dual Coding“-Theorie machen sich auch andere, dem Sketchnoting verwandte Techniken wie Graphic Recording oder die Visualisierte Textbegleitung zu Nutze. Zwar nicht wissenschaftlich belegt, aber tausendfach genussvoll erlebt ist der doppelte Gewinn für die Teilnehmer dieser modernen Vorträge: Während ihre grauen Zellen Höchstleistungen in Sachen Memorieren vollbringen, fühlen sie sich bestens unterhalten – weil die charmanten Symbole, die bunten Farb-Akzente und die dynamische Gestaltung ab Minute 1 die Laune heben.

Mit Sketchnotes für Klarheit sorgen – auf dem Blatt und im Bewusstsein

Gute Laune empfinden nicht nur die Betrachter der kreativen Skizzen, sondern vor allem auch ihre Erschaffer. Mike Rohde, Star der Szene, erinnert sich in seinem „Sketchnote Handbuch“ an frühere frustrierende Bemühungen, bei Meetings und Konferenzen alle Inhalte minutiös auf großen, linierten Blättern niederzuschreiben: „Der Stress eskalierte, weil ich verzweifelt versuchte, jedes Detail festzuhalten“. So verlor er den Überblick über das Gesagte – und leider auch die Lust, sich später durchs Zeilenmeer zu kämpfen. „Ich schaute mir meine Notizen nach ihrer Fertigstellung nie mehr an“. Seit er das Skizzieren als Alternative zur Mitschrift entdeckt hat, kann der Designer auf jeder Veranstaltung den optimalen Input für sich herausholen: Weil man schon beim Zeichnen die Informationen filtern und Zusammenhänge erkennen muss, fokussiert man viel intensiver auf die Materie. „Endlich konzentrierte ich mich aufs Wesentliche!“

ABC der Skizzen-Szene: das Visuelle Alphabet

Damit dies schnell und geschmeidig gelingt, haben Rohde, Shipton & Co. zahlreiche Tipps und Tools erarbeitet. Mit ihrem Mantra „Sketchnoting ist keine Kunst, sondern ein Handwerk“ ermuntern die Experten auch Anfänger und Laien – und liefern mit dem Visuellen Alphabet das Handwerkszeug dazu. Damit ist eine Sammlung von Formen und Symbolen gemeint, mit denen sich verschiedenste Skizzen erstellen lassen, ähnlich wie man Buchstaben zu Wörtern aneinanderfügt. Als Basis dienen Grundformen wie Punkte, Kreise, Linien, Wellen, Drei- und Vierecke, die man beliebig drehen, verzerren und kombinieren kann. Das genügt, um die wichtigsten Elemente der Skizzen zu entwickeln – Rahmen und Container für die Strukturierung der Geschichten, Symbole und Gesichter für Inhalte und Protagonisten, Sprechblasen und Pfeile für Kernaussagen und Dramaturgie. Ausprobieren und dabei assoziieren lohnt sich: Verbindet man mit einem Buch (drei Vierecke und feine Striche) konkret ein Handout – oder sieht man es eher als Symbol, z.B. für Recht und Gesetz? Ist das Gesicht mit Brille (drei Kreise, zwei Punkte, drei Striche) generelles Abbild eines klugen Kopfs – oder erinnert es an den Referenten vom letzten Meeting? Nach und nach entsteht so die eigene Zeichen-Galerie. Ergänzt wird diese durch Schriften, Letterings, Flaggen, Banner und Aktionselemente, sozusagen den Text-Anteilen der Sketchnotes.

Das beste Material, der richtige Dreh

Skizzen & Schriften: Dafür benötigt man Papier und Stifte – mehr nicht. Viele Sketchnoter verwenden zuerst einen Fineliner für die wichtigsten Symbole und Stichwörter; für Schraffuren, Verstärkungen, farbliche Akzentuierungen etc. kommen anschließend Bleistifte, Filzstifte, Brushpens, Textmarker oder andere persönliche Favoriten zum Einsatz.

Ebenfalls eine Frage der individuellen Vorlieben ist die Struktur der Sketchnotes, also die Aufteilung der Seite: Manche beginnen an der linken oberen Ecke und reihen die Inhalte dann im Uhrzeigersinn aneinander, andere starten in der Mitte, um sich spiralförmig nach außen zu bewegen, wieder andere orientieren sich an der linearen Erzählweise der Cartoon-Ästhetik. Hauptsache, die gewählte Variante macht einen „aufgeräumten“ Eindruck, folgt also der visuellen Hierarchie: Der Titel muss auffällig sein, Wichtiges größer als weniger Wichtiges, die Themenfelder klar abgetrennt, die Übergänge deutlich.

Tipp für Einsteiger: Mit der Sketchnote-Praxis sollte man nicht unbedingt in einem zeitlich knapp bemessenen Meeting starten. Die Skizzentechnik eignet sich schließlich genauso gut, Erlebtes in Ruhe und Muße nachzuerzählen – oder Inhalte für eine kommende Präsentation aufzubereiten. So, wie es inzwischen unzählige Lehrer für den Unterricht tun, ob online oder in Präsenz. Denn die Kritzeleien von einst sind längst zum wichtigen pädagogischen Material avanciert: Sketchnotes machen Schule.

Quellenangabe: „obs/Faber-Castell“

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